"Die Fernbeziehung ist das Modell der Gegenwart"

"Die Fernbeziehung ist das Modell der Gegenwart"

Die Autorin Dorit Kowitz beschreibt in ihrem Buch “Kommst du Freitag”, wie die Liebe eine Fernbeziehung übersteht. Ein Gespräch über Freiheit und die Kunst der Kommunikation.

ZEIT ONLINE: Frau Kowitz, Sie haben zehn Jahre lang eine Fernbeziehung geführt. In Ihrem Buch Kommst du Freitag? schildern Sie Ihre Erfahrungen. Welche Charaktereigenschaften sollte man mitbringen, damit die Liebe auf Distanz funktioniert?

Dorit Kowitz: Vor allem, auch ohne den Partner an der Seite zurechtzukommen und alleine sein zu können. Was nicht hilft ist chronische Eifersucht. Die kenne ich gar nicht. Man darf den anderen nicht ständig in Frage stellen oder kontrollieren. Ich war mir meiner Liebe immer ziemlich sicher.

ZEIT ONLINE: Wie ist Ihre Erfahrung: Geht man in Fernbeziehungen mit Konflikten anders um als in einer “normalen” Partnerschaft?

Kowitz: Wie in jeder Beziehung muss man Probleme ansprechen. Und das auch am heiligen Wochenende. Es bringt nichts, alles auszublenden, aus Sorge, sich die knappe Zeit zu verderben. Das gilt vor allem dann, wenn sich größere Fragen stellen, wie beispielsweise nach beruflichen Veränderungen. Uns fiel das Reden immer leicht, vielleicht haben wir da Glück gehabt. Man kann das aber sicherlich auch lernen.

ZEIT ONLINE: Bei der Kommunikation können auch gemeinsame Rituale hilfreich sein. Sie schreiben, dass sie für eine Fernbeziehung wichtig und tückisch zugleich sind. Warum?

Kowitz: Tückisch, weil man sich immer auf etwas festlegen muss, auf das Wochenende zum Beispiel. Das wird dann zu einer Art unfreiwilligem Ritual. Wichtig sind kleine Rituale wie feste Zeiten, an denen man telefoniert, weil der gemeinsame Alltag fehlt. Der Trick besteht darin, sich trotzdem Freiräume zu lassen und auch mal ein Wochenende ohne einander zu verbringen, um Freunde zu besuchen, die man selten sieht.

ZEIT ONLINE: Diese “Freiräume” werden automatisch weniger, wenn das Paar sich entschließt zusammenzuziehen. Für viele ist es problematisch, den gemeinsamen Alltag zu bewältigen. Wie haben Sie das geschafft?

Kowitz: Indem wir uns zusammengerauft haben. Das war nicht einfach. Zumal wir gleich Zwillinge bekamen und plötzlich eine Familie waren. Dabei lebte vorher jeder sein urbanes, selbstbestimmtes Leben. Das war schon eine große Umstellung, Streit war da programmiert.

ZEIT ONLINE: Trotzdem ist Ihr Fall ein Beispiel dafür, dass Beziehungen auch über Distanzen funktionieren können. Was raten Sie jungen Paaren, die eine Fernbeziehung führen?

Kowitz: Ich fand es wichtig, mich immer wieder darauf zu besinnen, warum ich in einer anderen Stadt lebe, was der Vorteil daran ist. Das sollte man immer mal neu überprüfen, um zu sehen, ob es noch hinhaut. Und es sich zu gestatten, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen, ist auch wichtig.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie stundenlang auf verspätete ICE-Züge warten oder im Stau stehen. Mal abgesehen von den Strapazen, muss man sich eine Fernbeziehung auch leisten können?

Kowitz: Fernbeziehungen müssen sich lohnen, durchaus auch materiell, aber vor allem für den Kopf und für die Seele. Ich habe mich immer für die Stadt entschieden, die mir gefiel und in der das Jobangebot am besten war. Es ist sicherlich ein teurer Spaß, wenn man sich regelmäßig sehen möchte. Wir hatten zwei Wohnungen, zwei Autos, alles war doppelt. Auf der Journalistenschule war ich aber alles andere als reich und das funktionierte auch irgendwie.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass im Schnitt jeder sechste Deutsche einmal in seinem Leben eine Fernbeziehung führt. Ist es das Modell der Zukunft?

Kowitz: Es ist schon eines der Gegenwart. Heute ist es oft unerlässlich, ins Ausland zu gehen, wenn man Karriere machen will. Deshalb werden immer mehr Paare, wenn auch nur vorübergehend, vor diese Situation gestellt. Früher oder später entscheiden sich die meisten aber doch für den bürgerlichen Entwurf mit einer Wohnung und Kindern. Da gibt es eine Bewegung zurück zu den klassischen Strukturen.

ZEIT ONLINE: Vielleicht sind gerade diese klassischen Strukturen für viele Menschen unverzichtbar. Oft werden Fernbeziehungspaare von ihrem Umfeld regelrecht bedauert mit Sätzen wie: “Also ich könnte das ja nicht!” oder “Ich bewundere ja, wie ihr das macht!”

Kowitz: Diese Sprüche kenne ich. Dabei kann eine Fernliebe so toll sein. Gerade, wenn man jung ist und sich beruflich noch orientiert. Dann ist es natürlich herrlich, wenn man diese Freiheit genießt und sich nicht überlegen muss, was es denn abends zu essen geben soll. Man verschleißt sich nicht im Alltag und hat den Kopf frei für andere Dinge. Und dann freut man sich umso mehr auf die rare Zeit, die man mit dem anderen verbringen kann.

Dorit Kowitz: Kommst du Freitag?
Herder, Freiburg 2011; 159 S., 12,95 €



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