Strahlemanns Tod

Dies ist die Geschichte eines Menschen, der von seinem Chef WIE EIN SKLAVE gehalten und schließlich getötet wurde. Viele hatten geahnt, dass er leidet, geholfen hat ihm keiner. Zwei Männer und eine Frau stehen vor Gericht – aber Schuld haben mehr

Holger war ein einfacher Mann, der zweimal am Tag Brötchen mit Fleischwurst aß, die er bei Rewe im Dorf kaufte, und hinterher naschte er gern Süßes. Holger war ein Mann, der am Ende, mit 35 Jahren, Tag und Nacht einen Blaumann trug, der vergessen hatte, dass es besser wäre, sich zu waschen nach der Arbeit, der darum manchmal so sehr stank, dass ihn Kollegen zum Duschen schickten. Holger war ein Mann, der seine Arbeit in der Bauschlosserei langsam verrichtete, unkonzentriert auch, der sich bisweilen zum Schlafen in die Glaswolle in einer der Werkhallen verkroch, so erschöpft war er. Wollte er sich etwas gönnen, rauchte er eine Zigarette.

Holger Kahlfeld, Hilfsarbeiter, führte ein erbärmliches Leben im Weserbergland. Seinem Chef war es nicht viel wert. Sein Chef soll ihn totgeschlagen haben. In der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober 2000 soll Holger Kahlfeld unter den Schlägen mit einem Holzknüppel verreckt sein, im Ortsteil Forst der Gemeinde Bevern. Gleich hinter Holzminden liegt sie, in Südniedersachsen, wo die Weser lieblich ins Tal gebettet ist und jenseits des Ufers Westfalen beginnt.

Die Staatsanwaltschaft sagt, es war Mord. Sie klagt drei Menschen an. Am Landgericht Hildesheim verhandelt man seit vergangener Woche, wer wie viel Schuld trägt. Der Vorarbeiter soll dem Chef beim Totschlagen zugeschaut haben. Vielleicht schlug er auch mit. Die Lebensgefährtin des Chefs soll gesehen haben, wie die beiden Holger ins Haus brachten, ihn dort in der Badewanne unter Wasser tauchten, bis er zappelte, ihm danach trockene Sachen anzogen, ihn wieder wegbrachten in die Halle, wo sein Chef so lange zugehauen haben soll, bis Holger zusammenbrach. Wo er starb, ob schon in der Werkhalle oder erst nachher in seinem Bett, weiß heute keiner.

Heute weiß man, dass Holger von seinem Chef Rainer Brune wie ein Sklave in einer kleinen Metallfirma gehalten wurde. Mancher hörte davon, ahnte wenigstens etwas. Erlöst hat ihn keiner.

Beinahe hätte auch niemand von seinem Tod erfahren. Bloß hat die Polizei nicht abgelassen, Holger Kahlfeld zu suchen, hat Kriminalhauptkommissar Harald Schmidt aus Holzminden die Zeitungen versorgt mit dem Steckbrief und zuletzt “Aktenzeichen XY” eingeschaltet. Das war 2002; Kahlfeld galt seit zwei Jahren als vermisst. Aber Schmidt glaubte nicht, dass er noch am Leben war. Schmidt glaubte, dass Druck einen Täter gesprächig machen würde. Er behielt Recht. Im Juni lief die Lebensgefährtin des Chefs zur Polizei und sagte aus.

JAHRELANG HATTE DER CHEF behauptet, Holger sei im Oktober über Nacht verschwunden, weil er ihm 3500 Mark gestohlen habe. Brune hatte ihn sogar angezeigt. Vielleicht war das sein Fehler. Kommissar Schmidt, Pfeifenraucher, Fahnder alten Schlags, dachte sich: Selbst wenn Kahlfeld sich abgesetzt hätte, was seiner schlichten Natur widersprach – “er hätte sich auf jeden Fall bei den Eltern gemeldet”.

Holger war 32, frisch verheiratet und Vater eines Sohnes, als er im Oktober 1997 anfing, bei Brune in Forst zu arbeiten. Bei dessen Firma, die “Metall- und Stahlbau” hieß und “Kunstschmiede Maschinen An- + Verkauf, Fahrzeug- + Containerbau, Pkw- Anhänger- + Baumaschinenverleih”. So kraus der Name klingt, sieht es in den maroden Hallen einer ehemaligen Maschinenfabrik aus. Stahl und Schrott türmen sich, Blech und Holz, teure Maschinen und billige Möbel in monströsem Ausmaß. Alles ist dreckig, und man hat ständig das Gefühl, etwas könne einem auf den Kopf fallen.

Anfangs, als Holger noch bei seiner Frau in Bodenfelde bei Uslar wohnte, fuhr er frühmorgens 40 Kilometer durch die Hügel des Solling, ein Stück die “Deutsche Märchenstraße” entlang, weiter auf der “Straße der Weserrenaissance” an alten Fachwerkbauten vorbei und durch Wälder bis nach Bevern. Und abends zurück. Acht bis zehn Männer arbeiteten für Brune in guten Zeiten. Der Personalverschleiß war hoch, auch, weil die Spinde dreckig, die Klos kaputt und die Löhne schlecht waren. Die Firma stellte Teile für Rutschen und Parkbänke her, fertigte Ständer an, in denen Baumärkte ihre Terrassenplatten ausstellen. Die Arbeit gefiel Holger nicht. “Das ist eine Scheißfirma”, klagte er. Sein Vater riet ihm durchzuhalten, er habe eine Familie zu ernähren.

Das sind die Kleinigkeiten, an die sich jetzt die Eltern erinnern, Helga und Wilhelm, 64 und 70, sich gegenseitig verzweifelt versichernd, dass “das”, was dann passiert war, “ja keiner ahnen konnte”. Wie sie das beteuern, spürt man: Sie ahnten viel. Sie sitzen in Uslar- Volpriehausen hinter dichten Gardinen in ihrem dunklen Haus, das sie in den siebziger Jahren möbliert haben müssen. Hier wuchs Holger auf. Die Mutter raucht Billigzigaretten. Der Vater packt Kondolenzbriefe aus. Hunderte. “Das sacht doch schon was! Nicht?”, fragt er, Zustimmung fordernd. Und die Mutter ruft: “Wir haben ihn nie fallen lassen! Nie!”

Die Eltern hatten noch sechs Monate nach Holgers Verschwinden im Oktober 2000 nicht die Polizei verständigt. Sie hatten Angst, eine Angst, die im Nachhinein irrational, ja lächerlich erscheint. Holgers Chef hatte sie ihnen eingejagt. Es war wohl nicht schwer. Denn nichts scheinen Kahlfelds mehr zu fürchten als Gerede und Geldsorgen – damit aber drohte Rainer Brune ihnen bald: Ihr Sohn, behauptete er, habe Material im Wert von 12 000 Mark gestohlen. Kurz vor seinem Tod dichtete Brune ihm noch Gelddiebstähle in Höhe von 25000 Mark an. Bewiesen hat er all das nie. Musste er auch nicht.

In der Firma wurde Holger schnell der Mann für das Sandstrahlen, eine verhasste Arbeit. So ließ der Chef die Maschinenteile einer Glashütte und der örtlichen Möbelfabrik reinigen. Der Chef nannte Holger bald nur noch “Strahlemann”. Normalerweise muss man beim Sandstrahlen Schutzanzug und Helm tragen, dicht wie eine Astronautenkluft. Holger strahlte ohne, weil es nur einen löchrigen Anzug gab, der nichts nutzte. Einen neuen kaufte Brune aus Geiz nicht.

IN DEN ÜBERRESTEN von Holgers Lunge fanden Gerichtsmediziner Ablagerungen von feinkristallinem Sand, “pfundweise”, wie der Richter in Hildesheim sagt.

Zu Hause, in Bodenfelde, gab es bald nur noch Streit. Holgers Frau mutmaßte, er gehe fremd. Auch gab er zu viel Geld aus. Holger verließ Frau und Kind, vielleicht schmiss sie ihn auch heraus. Da bot Rainer Brune ihm an, in sein Haus auf dem Firmengelände einzuziehen. Zwei Zimmer mit Küche, für 360 Mark im Monat. 1600 verdiente Holger. Es gab in dem Teil des Hauses weder Heizung noch Warmwasser, dafür Mäuse und Zugluft. Die Eltern richteten ihrem Sohn die Räume halbwegs her, karrten den Müll weg, tapezierten, brachten eigene Möbel. Sie lehnten eine Matratze gegen die Tür, durch die es zog. “Willst du hier wirklich bleiben?”, fragte ihn der Vater, nun doch zweifelnd. “Ich muss auf die Füße kommen”, habe Holger geantwortet.

Die Eltern blieben Holgers einzige Verbindung ins alte Leben. Sie brachten ihm alle 14 Tage Vorgekochtes nach Bevern, wuschen ihm die Wäsche, putzten seine Wohnung. Wie einem Kind. Sie erduldeten auch die Vorwürfe seines neuen Chefs, die schnell zunahmen, und ängstigten sich bald so vor Brune, wie Holger es tat und wie es nur Menschen tun, die gewohnt sind, dass andere entscheiden und sicherlich Recht haben.

Holger ließ wohl tatsächlich einige Dinge mitgehen. Brune zwang ihn, eine Liste darüber anzulegen. Die gestohlenen Sachen waren wenige hundert Mark wert. “Warum entlassen Sie ihn nicht?”, will Holgers Vater Brune gefragt haben.

Im Prozess stellt sich aber heraus, dass die Eltern den Chef bekniet hatten, Holger nicht hinauszuwerfen. Sie wüssten nicht, wohin mit ihm. Da ließ er die Kahlfelds ein Schuldanerkenntnis unterschreiben. “Er versprach”, sagt Helga Kahlfeld, “alles ohne Polizei zu regeln. Auf seine Weise.” Die Eltern waren paralysiert von der Angst, für die Diebstähle ihres Sohnes aufkommen zu müssen. Geld ist ein großes Thema bei Kahlfelds, weil sie wenig haben. Sie leben von 900 Euro.

Holger, so war der Handel, solle seine Schulden abarbeiten. Es klang wie ein Angebot. Es bedeutete, dass sein Arbeitstag nun 14 Stunden dauerte oder 16.

Die letzten Jahre verbrachte Holger nur noch in der Firma, in den Hallen, in diesem Haus. Das verwahrloste Gebäude zeugt von Grobheit und Unzuverlässigkeit, von Ehrgeiz und Zerrissenheit. Ständig hatte Brune etwas umbauen wollen, hatte angefangen, aber nichts zu Ende gebracht. Ein Müllhaufen der Träume. Bizarr das Geschäft, das Lebensgefährtin Rita L. dort auf sein Geheiß betrieb: “Angie`s Boutique”, ein Versandhandel für Transvestiten, Frauenkleider in Übergrößen. Pumps, Reizwäsche, Perücken für kahle Männerschädel.

Die 49-jährige Rita L. aus Celle, eine zierliche, gepflegte Blondine, die ihre Worte sorgsam wählt, lernte Brune 1998 über eine Annonce kennen. Sie erhoffte sich manches, aber fiel tief. Zuerst rückte Brune damit heraus, Frauenkleider zu mögen. Sie arrangierte sich damit, nahm an den Stammtischen der Transvestiten teil, die in Bevern- Forst stattfanden. Sie ertrug es, dass er beim Sex Frauenwäsche trug. Aber sie ertrug es nicht, sagte sie vor Gericht, dass er sie dabei schlagen wollte. Ihr sei aufgegangen, dass es in Brunes Fantasien nicht um Geschlechtertausch ging, sondern um Sadomasochismus. Er der Schläger, sie die Geschlagene. Zudem betrog er sie. Die Beziehung wurde eisig. Warum sie bei ihm blieb, kann Rita L. nicht erklären.

Sie hatte Angst vor Brune, und er nutzte das aus. Dass sie ihren Job verloren hatte und unter schwerer Migräne litt, mag die Anst verstärkt haben. In der Zeit, als Holger totgeschlagen wurde, stand sie ständig unter Medikamenten, hatte versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie ließ sich in die Psychiatrie einweisen, um von Brune loszukommen. Andererseits machte sie mit ihm exklusive Urlaube und kaufte ihm auf seinen Wunsch hin das hässliche Wohnhaus in Forst ab, das er versprach zu sanieren. Jetzt sitzt sie auf 75000 Euro Schulden. Und heult vor Gericht.

Sie vermeidet es, Rainer Brune anzuschauen: einen Schlossermeister, 46 Jahre alt, geboren in Stahle, Westfalen, sieben Kilometer von Forst entfernt; einen Mann, dessen Vater ihm schon mal einen Fleischspieß durch die Hand gejagt hatte im Jähzorn. Brune misst 1,82 Meter, das angegraute Haar ist schütter, sein Kinn flieht leicht, die Lippen sind aufgeworfen, seine Züge geprägt davon, das Sagen zu haben. Nichts in diesem Gesicht deutet darauf hin, dass Brune gelegentlich Frauenkleider trug und in Hannover bestimmte Klubs besuchte. Nach außen hin blieb er der rüde Handwerker.

Ging es Holger wie Rita L.? War er zu schwach, um sich zu wehren?

Ein psychiatrischer Gutachter wird versuchen zu klären, was die vielen Gesichter des Rainer Brune sind, ob er tatsächlich in jener Oktobernacht das Wissen um ein vermeintliches Geldversteck aus Holger herausprügeln wollte, wie er sagt. Oder empfand Brune nicht eher sadistische Lust während der tödlichen Folter? Davon ist Rita L. überzeugt.

HOLGER BLIEB IN DERSCHEISSFIRMA”. Als Ungelernter mit Hauptschulabschluss und Alkoholproblemen in der Jugend hatte er in seiner Heimat wenig Chancen. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit musste der Job in Bevern die neue Chance sein. Alles gab er dafür auf, sogar das geliebte Musizieren im Spielmannszug Volpriehausen. Er schlug die Becken. “Die mussten blitzen!”, sagt die Mutter. Jeden Montagabend übten die Spielleute. Aber Holgers Chef beschied, das sei Luxus, er dürfe nicht mehr hinfahren. Holger gehorchte. Er begann, sich zu verändern, wurde dünner, langsamer, müder. Bald sollte er nicht mehr die Eltern besuchen, sollte nur noch mit Erlaubnis zum Einkaufen fahren, musste den Chef nach Hannover chauffieren, wo der eine Bettgeschichte hatte. Während Brune im Warmen saß, schlief Holger im kleinen Firmenlaster, es war Winter.

Weil Holger nun sogar nachts arbeitete, schlief er tagsüber ein. Die Kollegen wurden unzufrieden, trieben ihn an. “Er war nicht mehr bei sich”, sagt der Vorarbeiter David S. vor Gericht. Weihnachten 1999 hatte Holger Fliesen zu verlegen. Ostern 2000 kommandierte Brune ihn in den eiskalten Bach hinterm Haus, um Steine daraus zu einer Mauer aufzuschichten. Stundenlang stand Kahlfeld bis zum Oberschenkel im Wasser, bis ein Kollege Brune anging, nun reiche es. Als Holger sich den Daumen absägte, brachte Brune den Untertan zwar in die Klinik. Als aber die Versicherung für den Unfall 12000 Mark zahlte, riss er sich das Geld unter den Nagel. Das war nicht schwer, weil Brune längst Holgers Konto kontrollierte.

Von den Prügeln, die es schon gesetzt haben muss, erzählte Holger seinen Eltern nichts. Aber Rita L. wusste davon, der Vorarbeiter und wohl auch andere Arbeiter. Sogar die Nachbarin in Forst hat einmal durch die gläserne Haustür gesehen, wie der Chef jemanden schlug. Sie wartete auf den Bus. Gewimmer habe sie gehört. Aber nicht die Polizei gerufen. “Wir wollten uns nicht einmischen.”

Die Kittelmanns, Bauhandwerker aus Holzminden, hätten ihn retten wollen, sie kamen nur zu spät. Ernst Kittelmann, dessen Tochter bei Brune eine Halle gepachtet hatte, schrieb am 14. September 2000 an den Landkreis Holzminden. Von katastrophalen Zuständen auf dem Firmengelände berichtet er – und von einem Mann namens Kahlfeld. Vom Sandstrahlen. Vom Stehen im eisigen Forstbach. Von Schlägen: “Sollte Herrn Kahlfeld ein Fehler unterlaufen … wird er verprügelt. Dies geht so weit, dass bei kleinstem Anlass ihm befohlen wird, sich selbst zu ohrfeigen.” Er schrieb, wie Kahlfeld hauste: “Seine Wohnung muss Herr Kahlfeld mit einem Rottweiler teilen. Wenn dieser ihm das Bett einnässt, wird das Bettzeug im Fenster getrocknet, und abends muss Herr Kahlfeld in demselben wieder schlafen.”

Der Welpe – aus einem Wurf von Brunes eigenen Hunden – habe keinen Platz auf dem Hof, hatte der Chef den Eltern weisgemacht. Sie widersprachen nicht, schrubbten nur Holgers Matratzen.

Kittelmann aber bot Holger an, nach Holzminden zu ziehen, in eine kleine Bleibe, die er an der Hand hatte. “Du musst hier raus! Arbeit finden wir für dich schon”, versprach er. Aber Holger hoffte entweder noch oder dachte gar nichts mehr. Das wird schon wieder, sagte er.

Brunes Anwalt sagt, viele würden seinen Mandanten falsch einschätzen, er sei ein “durchaus sensibler Mensch”. Ein früherer Mitarbeiter sagt, Brune konnte jemandem einen Satz Reifen verkaufen und dafür gleichzeitig das Auto in Zahlung nehmen. Eine frühere Geliebte, so geht ein Gerücht, habe er in den Wahnsinn getrieben oder wenigstens so weit, dass ihr Haus in seine Hände gefallen sei. Seit Brune im Knast sitzt, reden die Menschen.

Von seinem Vorarbeiter David S., 36 Jahre alt, verheiratet und Vater eines Achtjährigen, sagen die Leute in seinem Heimatdorf Golmbach, er sei schon immer ein “Bollerkopp” gewesen, dem im Rausch gern mal die Faust ausrutschte. Seit der Nacht im Oktober 2000 nahmen die Räusche zu. Letztlich hat Rainer Brune ihn ausgenutzt, wie er alle ausnutzte. Die einen bezahlten das mit Geld, das er schuldig blieb, Frauen mit ihrer Würde, David S. mit Alkoholsucht, Holger mit dem Leben.

Als die Eltern Kahlfeld ihren Sohn das letzte Mal sahen, am 29. September 2000, planten sie einen Urlaub, das erste Mal seit Jahrzehnten. Eine Busfahrt nach Tirol, fünf Tage. Helga Kahlfeld kochte Essen für Holger vor, als Brune anrief. Sie müssten kommen, sofort. Die Eltern fuhren sofort durch den Solling, die Deutsche Märchenstraße entlang bis nach Bevern. Ihr Sohn kam über den Hof gewankt, wie ein Betrunkener und doch anders. Dem Vater zeigte er, was ihn benommen machte: Sein Unterleib war blau von Tritten. Der Chef herrschte sie an, Holger müsse auf die andere Seite des Hauses ziehen, weiter weg von ihm. Sofort. Denn er habe wieder gestohlen. Die Eltern sahen in die verwüstete Wohnung des Sohnes und schleppten seine Sachen über den Hof in ein anderes Zimmer. Der Chef schaute zu.

HOLGER SASS AM ENDE DES TAGES schwach auf einem Stuhl. Zum Arzt wollte er nicht. Er sagte: “Nun werde ich wohl ein wenig meine Ruhe haben.” Die Eltern versprachen, nach ihrer Reise eine Lösung zu finden. Daran erinnert sich die Mutter unter Tränen. Sie will sich keine Vorwürfe machen, sie will trauern.

Mitte Oktober 2000, vier Wochen nach Kittelmanns Brief, kamen Mitarbeiter des Landkreisamts, um den Betrieb zu inspizieren. Da war Holger schon tot.

In der Nacht, in der er gestorben war, und am Tag darauf irrten der Chef, seine Lebensgefährtin und der Vorarbeiter im Jeep über die Autobahnen, Holgers Leiche lag im Kofferraum. Weil es hell geworden war, machten sie Halt in Rita L.s Wohnung in Celle, fuhren später bis Hamburg und steuerten, als es wieder dunkel wurde, einen Truppenübungsplatz bei Fallingbostel an. Da vergruben sie den Toten im sandigen Waldboden, 140 Kilometer nördlich des Ortes seiner Leiden.

Als Holgers Eltern aus Tirol wiederkehrten, zitierte sie der Chef ein letztes Mal nach Bevern. Er tischte ihnen die Geschichte vom getürmten Dieb auf und ließ das alte Paar die Wohnung leer räumen, sie brauchten Tage. Holger Kahlfelds kleines Auto stand noch da, das behielt Brune, und die Videokamera seines Opfers verlangte er auch, “als Pfand”.

Die Eltern glaubten seine Geschichte. Sie warteten. Am 20. Oktober 2000, zwei Wochen nach Holgers Tod, ließ der Chef die Eltern Kahlfeld noch eine Verpflichtung unterschreiben. Wenn sie erführen, wo sich ihr Sohn aufhalte, stand darin, hätten sie es ihm mitzuteilen. Sofort.

“Willst du hier wirklich bleiben?”

Ein Handwerker in Damenwäsche

Vor Gericht: Die Mitangeklagte Rita L. hatte im Juni ausgesagt, Rainer Brune (r.) habe seinen Angestellten Holger Kahlfeld in ihrem Beisein totgeschlagen

Kriminalhauptkommissar Harald
Schmidt ahnte früh, dass der
Vermisste tot war

Fotonachweis: THOMAS RABSCH

Erscheinungsdatum
13.11.2003
Verlag
Stern


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Buch

AUSGEZEICHNET MIT DEM DEUTSCHEN FOTOBUCHPREIS 2013 IN SILBER:
Der Tod kommt später,
vielleicht
Autoren-Akquise und Redaktion eines Bildbands des Fotografen Jörg Gläscher zur Bundeswehr. Mit Texten von Kathrin Schmidt, Jochen Missfeldt, Ingo Schulze, Tanja Dückers, Wolfgang Prosinger und hier zu haben: http://www.firsturl.de/YJK5AfO





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