Das Märchen vom verrottenden Spargel

Ein Bauer schlägt Alarm, und alle hören hin. Weil die Regierung zu wenig Erntehelfer ins Land lasse, vergammele das Gemüse auf den Feldern. Eine Posse um urlaubende Polen, arbeitslose Deutsche und ein ungewöhnlich warmes Frühjahr

Sicher ist bei aller Aufregung nur, dass es an Johanni ein Ende haben wird. Um den 24. Juni wird in Deutschland der letzte Spargel gestochen, so ist das seit Jahrhunderten. Den Termin gibt die Natur vor, daran haben Kaiser, Kriege und Kleinstaaterei nichts geändert und auch nicht die “Eckpunkteregelung”.

Darin geht es um die Anwerbung ausländischer Erntehelfer, aber auch das ist der Spargelpflanze ja schnurzegal.

An Johanni, um Mittsommer herum, treibt sie noch mal kräftig aus, bohrt sich aus ihrem sandigen Wall, färbt sich erst blau, dann grün. Was in den Wochen zuvor nur Verluste gebracht hätte, ist nun erwünscht: dass der Spargel ins Kraut schießt, um Kraft fürs nächste Jahr zu sammeln.

Bei Bauer Dietrich Paul aber ist schon seit dem 27. April Sommer, jedenfalls auf fünfeinhalb seiner gut 50 Hektar. Weit vor Johanni steht das Gebüsch mannshoch mit gelben Blütenkelchen. Die ungewollte Pracht kommt Paul teuer zu stehen: Er sagt, er habe hier 26 Tonnen Spargel nur darum nicht ernten können, weil er nicht genug Saisonarbeiter habe auftreiben können.

Und schuld daran sei die deutsche Politik, auch jedenfalls.

Weil Dietrich Paul Vorsitzender der Vereinigung der niedersächsischen Spargelbauern ist und Spargel wegzuschmeißen als unschön gilt, hören ihm jetzt viele zu, filmen ihn, halten ihm Mikrofone vors Gesicht. Ordentlich was los in Hoyerhagen, 70 Kilometer nördlich von Hannover gelegen; rote Backsteinhöfe mit Kletterrosen und violetten Rhododendren.

Und mitten im Idyll: bis zu 15 Prozent der Flächen stillgelegt! Bis zu 30 Prozent zu wenig Erntehelfer! Was tut Franz Müntefering, Arbeitsminister und zuständig für die “Eckpunkte”, den Deutschen nur an?

Paul steht auf seinem sprießenden Feld, diesem wachsenden Vorwurf, und wieder klingelt sein Handy. Die BBC fragt, ob er bereit wäre, ein Interview auf Englisch zu geben. Besser Deutsch, sagt Paul. Nachmittags kommt RTL. Am Abend schafft es sein Fall in die “Tagesthemen”.

Dort wird die Saga weitergesponnen, wonach die bislang so treuen polnischen Spargelstecher Deutschland nun mieden, um nach Großbritannien zu wandern.

Denn dort verdienten sie mehr Geld und dürften das ganze Jahr arbeiten. Darum bliebe der deutsche Spargel auf dem Feld.

Und vielleicht blieben das bald auch die Erd- und Heidelbeeren, Kohlköpfe und Zwiebeln.

Die Geschichte ist nicht ganz falsch, vor allem aber ist sie nicht ganz richtig. Irgendwie scheint es trotzdem auf eine Rekordernte an Spargel hinauszulaufen; Bayern meldete am 31. Mai schon ein Plus von 1800 Tonnen. Pauls Problem und das einiger weniger anderer Spargelbauern hat etwas mit dem warmen März zu tun, den Polen, den deutschen Arbeitslosen und wenig mit der “Eckpunkteregelung”.

Der März ist ein ungewöhnlich früher Zeitpunkt für den ersten Spargel. Paul, 58, hat es in diesem Jahr erst das dritte Mal erlebt in 35 Jahren Praxis. Er brauchte plötzlich seine Erntehelfer, schnell, am besten alle 150. “Als es losging, habe ich meine Leute in Polen gleich angeschrieben. Aber schon ein Viertel davon kam nicht. Die meisten wollten keinen Urlaub nehmen aus Angst um ihren Job in Polen, einige meldeten sich überhaupt nicht.” Der Bauer vermutet, dass mancher jetzt in England arbeitet. Oder haben die Polen inzwischen bessere Jobs im eigenen Land? “Auch das kann sein”, sagt Paul.

Er schickte neue Aufrufe, ließ die paar Rumänen, die er im Vorjahr getestet hatte, neue Rumänen anwerben. Aber noch immer reichte es nicht, um den Spargel vom Feld zu holen. Paul suchte weiter, stellte immerfort Anträge. Auf dem Höhepunkt der Ernte, “die Spargelpreise waren hoch”, fehlten ihm schließlich 30 Leute. Er ruft:

“30!” Da ließ er den Spargel ins Kraut schießen. Und schlug Alarm.

Nur, was hat der Urlaub der Polen mit der “Eckpunkteregelung” zu tun? “Erst mal nichts”, sagt Paul. Die Regelung, 2005 erfunden aus Angst vor osteuropäischen Dumping- Tagelöhnern, beschränkt den Aufenthalt für Arbeiter aus den neuen EUMitgliedsstaaten auf vier Monate und ihre Quote auf maximal 90 Prozent aller Erntehelfer pro Betrieb. Paul befürchtet, dass die nationalen Beschränkungen Deutschland um die neu gewonnenen Anteile am europäischen Obst- und Gemüsemarkt bringen werden. “Und hier geht in den nächsten vier Jahren alles den Bach runter.”

So schwarz wie Paul sehen es nur wenige, auch ein CSUStaatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium und die Größen vom Bauernverband sowieso. Die Bundesagentur für Arbeit hat Mitte Mai berechnet, dass die Nachfrage nach ausländischen Erntehelfern zurückgeht. Bis Mai haben Bauern 178 000 Saisonarbeitskräfte angefordert – 10 000 weniger als im Mai 2006. Außerdem haben die Arbeitsagenturen einen Pool aus 20 000 deutschen Erntehelfern zusammengestellt.

Paul sieht das anders. “Den Deutschen?

Den kriegen sie einfach nicht aufs Feld.

Das kann man sich abschminken.” Sagt Bauer Paul. “Der Deutsche” meine das nicht böse, “aber er hält einfach nicht durch”. Neulich, sagt Paul, habe er es mit zwei 20- Jährigen versucht, die sich freiwillig bei ihm gemeldet hätten. Die hätten nicht mal aufs Feld gemusst, sollten nur in der Halle Spargel sortieren, 20-Kilo-Kisten packen. Sie kamen jeden Morgen zu spät, der eine blieb am dritten Tag ganz weg. Zu anstrengend. Da hat Paul sie fortgeschickt.

Er zeigt auf eine weißhaarige Deutsche in seiner Halle. Obwohl 68 Jahre alt, stünde sie von morgens bis abends am Packtisch.

“Und 20-Jährige schaffen das nicht?” Er will keine deutschen Arbeitslosen mehr.

Aber nun will der Pole ihn nicht mehr.

Also müssen andere Ausländer ran. Je östlicher ihre Herkunft, desto williger. Ukrainer etwa. Aber die Ukraine ist nicht in der EU. Darum brauche man ein “neues Drittstaaten- Abkommen”, fordert Paul. Der CDUBundestagsabgeordnete Reinhard Grindel, er wohnt nicht weit, hat den Wunsch per Brief weitergereicht an den “sehr geehrten Herrn Bundesminister” Franz Müntefering. Dabei, so schaut Grindel darin ängstlich voraus, müsste aber “auch genau kontrolliert werden, dass alle Saisonarbeitskräfte aus der Ukraine unser Land … tatsächlich wieder verlassen”.

Vielleicht ist es aber einfach nur die Marktwirtschaft. Bleiben die Polen weg, weil die Deutschen schlecht zahlen? Nein, sagt Bauer Paul, seine Leute verdienten anständig.

“Sie ernten 10 bis 15 Kilogramm pro Stunde.” Dafür gebe es mit Zuschlägen 6 bis 7,50 Euro. Er ruft den Polen Andrej heran. “Andrej, sag mal, wo hast du vorher gearbeitet?” Andrej antwortet, er habe zuletzt in Brüssel als Bauarbeiter geschafft und acht Euro die Stunde verdient. “Was hast du für Wohnen und Essen bezahlt?” So 400, sagt Andrej. “Sehen Sie?” Paul hat einen kleinen Triumph im Blick. Bei ihm, in Hoyerhagen, seien es für Unterkunft und Mittagessen nur rund 220 Euro im Monat. “Und was kostet das Bier in Brüssel?

Das Pivo, hm?”, fragt Paul. Ja, das sei das Problem, sagt Andrej und grinst: “Ist sehr teuer.” Irgendwann werden die Andrejs zu teuer geworden sein, dann die Ukrainer. Und was dann? Muss man bald Spargelstecher aus China einfliegen? “Geht ja nicht”, antwortet Paul, ohne zu zögern, “es gibt kein Drittstaaten-Abkommen.” Ansonsten: ein Flugzeug voll, warum nicht?

Pressestatement in der Erntehalle: Die Arbeitsagentur sei nicht schuld, sagt der Geschäftsführer der Verdener Filiale, Gerhard Döring

Erscheinungsdatum
06.06.2007
Verlag
Stern


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